Priester in Wacken
Eine kritisch freundschaftliche Distanz
Münster/Wacken - Mittlerweile steht das Wort „Wacken“ weniger für den Ort Wacken als stellvertretend für eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt. Mehr als 80.000 Fans ziehen schwarz gekleidet und grölend durch die kleine Gemeinde. Kaum vorstellbar, dass ausgerechnet Leute, die ihre Hände zum Teufelskopf formen und in den Himmel recken, kirchlichen Beistand benötigen. Lars Därmann, einer der beiden Pastoren der Kirchengemeinde Wacken, erlebt Jahr für Jahr ein etwas anderes Bild des Wacken Open Airs.
Sind Sie in diesem Jahr während des Wacken Open Airs vor Ort?
Lars Därmann: Nein, dieses Mal mache ich Urlaub. Sonst bin ich immer am Ort geblieben. Dann laufe ich mit meinem T-Shirt, auf dem „Ich gehöre zu Gottes Bodenpersonal“ steht, über das Festivalgelände und suche das Gespräch. Man trifft ja halb Wacken auf dem Festival. Aber Sie denken dabei wahrscheinlich an den Film „Full Metal Village“ und an meinen Vorgänger. So weit ich weiß, ist er aber auch erst nach dem Festival in den Urlaub gefahren. Der Film ist aber so geschnitten, dass man den Eindruck bekommen könnte, er sei während des Open Airs wegfahren, was er nicht getan hat. Seit wann gibt es die Notfallseelsorge beim Festival?
Därmann: Letztes Jahr zum ersten Mal. Eine Art Testlauf. Es ist sehr gut angenommen worden, und deshalb vergrößern wir das Team dieses Jahr. Der Veranstalter, Holger Hübner, hatte schon öfter nachgefragt, ob die Kirchengemeinde das leisten könnte. Letztlich lief dann alles über das Landespfarramt, das auch dafür sorgt, dass vor Ort alles vernünftig abläuft.
Auf dem Gelände gibt es doch auch ein Zelt, oder?
Därmann: Zelt ist übertrieben. Ein Pavillon, direkt neben dem DRK-Zelt. Das ist ein guter Ort, denn wenn jemand Probleme hat, dann taucht er sowieso in dieser Ecke auf. Der Veranstalter unterstützt das sehr gut, indem er das Schild „Spiritual Guidance“ dazu angebracht hat. Es kamen viele Leute, die fragten, was das denn bedeute und so waren wir direkt miteinander im Gespräch.
Das Deutsche Rote Kreuz ist für Ihre Hilfe bestimmt dankbar, oder?
Därmann: Die vermitteln gerne Leute an uns weiter. Früher hatten wir nur Festival-Bänder wie die der Händler. Mit denen kam man lediglich aufs Gelände. Der Leiter vom Rettungsdienst meinte, dass er uns auch hinter der Bühne bräuchte. Wenn Fans stundenlang für ihre Bands angestanden haben und dann kollabieren, dann sollten wir einfach da sein. Deshalb hat er dafür gesorgt, dass wir Bänder bekommen, mit denen man überall hinkommt.
Mit welchen Problemen kommen denn die Heavy-Metal-Fans zu Ihnen?Därmann: Mit ganz unterschiedlichen Dingen. Leute, für die wegen eines Kreuzbandrisses das Open Air vorbei ist. Manche kommen wegen praktischer Hilfeleistung: Wie kommen Fans wieder nach Hause? Dann gibt es Beziehungs- oder psychische Probleme, deren Ursachen eigentlich zu Hause liegen. Aber es war auch mal jemand da, der sagte, dass er gerade aus Afghanistan komme, wo er einen Menschen erschossen habe und nicht wusste, wie er damit umgehen solle. Bei vielen Fans gesellt sich die Belastung des Open Airs dazu. Wenig Schlaf, ständiger Lärm, Party, sozialer Druck. In vielen Fällen empfehlen wir auch weitere Beratungsstellen.
Kommen Menschen aller Glaubensrichtungen zu Ihnen?
Därmann: Ja. Es kann jeder kommen, und es ist auch jeder willkommen. Es geht vor allem um Gespräche. Die können zum Thema Glauben sein, müssen aber nicht. Wichtig ist eine Art der Krisenintervention, also, dass es überhaupt einen Ansprechpartner gibt.
Wie gehen Sie dann mit Betrunkenen um, die Sie besuchen?
Därmann: Wir merken ja während des Gesprächs, ob jemand einfach nur noch Unsinn redet und bitten ihn dann höflich wieder hinaus. Aber das hielt sich bisher wirklich in Grenzen.
Spielt der Respekt vor Kirche als Institution da eine Rolle?
Därmann: Schwer zu sagen. Beim Wacken Open Air wird wenig randaliert. Der Veranstalter sagt, dass die Leute Bier trinken und keine harte Drogen nehmen. Bier macht weniger aggressiv, da werden die Fans eher „kuschelig“. Der Heavy-Metal-Fan ist friedliebend und konservativ in seinen Wertvorstellungen. Das funktioniert sogar noch, wenn er total betrunken sind.
Jetzt gibt es auch Stilrichtungen im Heavy-Metal mit satanischen Texten. Und Fans, die das sogenannte „Kreuz des Südens“ tragen. Wie gehen Sie damit um?
Därmann: Wir sagen natürlich, dass wir das nicht gut finden. Man muss unterscheiden: Vieles ist Show. Ich habe mit einigen Leuten gesprochen, die ganz normal konfirmiert worden sind und danach einfach keine Beziehung zu Gott oder zur Kirche mehr haben. Obwohl sie weder für noch gegen die Kirche sind, tragen sie solche T-Shirts. Aber sicherlich gibt es auch die „ganz dunklen Ecken.“ Wenn man dann diese Fans vor der Bühne sieht, denkt man auch: Hier ist der Geist nicht mehr gut. Eine kleine Ecke zwar, aber diese Auswüchse kritisieren wir. Das ist auch Grund genug zu sagen, wir machen nicht alles mit lautem „Hurra“ mit. Wir sind kein Teil des Wacken Open Airs. Ich nenne das mal eine kritisch freundschaftliche Distanz. Wenn es das Festival nicht gäbe, würden wir auch nicht weinen. Aber wenn es das schon mal gibt, versuchen wir den Menschen vor Ort zu helfen und begleiten sie. Wir unterstützen also nicht das Wacken Open Air an sich, sondern die Menschen, die kommen.
Gibt es denn während der Festivalzeit Gottesdienste?
Därmann: Es gibt den ganz normalen Gottesdienst am Sonntag im Ort. Also am Abreisetag. Da tauchen mal ein oder zwei Heavy-Metal-Fans auf. Ich habe mal eine Trauung auf dem Festivalgelände vollzogen. Auf einer Bühne. 300 oder 400 Leute waren da. Das ist gut angenommen worden. Es gäbe durchaus die Möglichkeit, auch einen Gottesdienst zu feiern, aber ich habe das Gefühl, es passt nicht so richtig. Obwohl ich weiß, dass viele Christen dort sind, die zur Gemeinde gehören. Auch andere Pastoren. Vielleicht ist ein Gottesdienst eine Option für die Zukunft.
Hören Sie selbst Heavy Metal?
Därmann: Normalerweise nicht. Ich höre ganz normale Musik, wie alle anderen auch. Heavy Metal ist zwar extrem, wobei das eine oder andere musikalisch schon ganz gut ist. Wenn ich vor Ort bin, höre ich mir das eine oder andere an. Aber bestimmt nicht die Dunkelschwarzen.
Der einzige Weg nie auf die Schnauze zu fallen ist der, stets auf dem Boden zu kriechen
Nightfall : Quietly it crept in an changed us all !