Kapitel 5: Der Mithrilkelch, Teil 3
...Wir kamen gut voran. Ich genoss den Wind im Haar, das fröhliche Zwitschern der Vögel und die Sonne auf meinem Gesicht. Meine Freunde unterhielten sich. Ich folgte dem Gespräch nur am Rande. Und so hatten wir die Bewegung neben dem Weg in den Bäumen zu spät bemerkt. Wir hatten die Mittagsrast schon hinter uns, als wir beschossen wurden. Der Pfeil ging fehl. Ich umfasste meinen Speer fester, rannte auf den Baum zu, während meine Freunde versuchten auf den Narren anzulegen. Rasch hatte ich ihn im Baum entdeckt. Ich kletterte hinauf, holte ihn mit Gewalt herunter. Unten erwarteten uns Mirwen und Reath, die den Ork fesselten. Auf unsere Fragen nach seinem Auftraggeber und seinem Lohn wollte er erst nicht antworten. Ein paar Schläge machten ihn gesprächiger. Noch bevor er sprach, wusste ich die Antwort bereits. Der Noldor war hinter uns her. Der Ork bestätigte meine Ahnung. Er führte uns zu einer Hütte im nahen Wald. Hier sollte er seinen Auftraggeber treffen um für seine Tat belohnt zu werden. Hier starb er nun.
Neben der Blockhütte dessen Tür und Fenster verschlossen waren, weideten fünf Pferde auf der Koppel. Ansonsten war alles ruhig. Wir schlichen näher heran. Die Tür ließ sich öffnen. Im Inneren war niemand. Vorsichtig schoben wir uns in den Raum hinein. Ich blieb an der Tür zurück um mit einem Auge die Ränder der Lichtung zu beobachten. Die Hütte war spärlich eingerichtet. Ein Tisch, ein paar Stühle, ein Bett. Eine zweite Tür führte in einen Nebenraum. Mirwen entdeckte darin einen Schreibtisch. Viele Bücher standen in Regalen. Allerdings konnte unser Bücherwurm sie nicht lesen. Die Schrift tat ihr an den Augen weh. Sie vermutete, dass sie in der Schwarzen Sprache geschrieben waren. Die Dunedain steckte ein paar leere Bögen Pergament, ein leeres Buch, Federn und Tinte ein. Auch Reath war seinen Instinkten gefolgt. Er fand eine große verschlossene Kiste, die er allerdings nicht öffnen konnte.
Ich war einen Augenblick unaufmerksam. Die Gestalt, die an den Rand der Lichtung, uns gegenüber getreten war, bemerkte ich deshalb fast zu spät. „Kommt her“, rief ich nach hinten. „Der Noldor ist da.“ Meine Freunde stürmten vor die Hütte. Wir zögerten nicht mehr. Während Mirwen den Elb unter Beschuss nahm, rannten wir mit gezogenen Waffen auf unseren Feind zu, bevor er zu zaubern beginnen konnte. Reath und ich griffen ihn unmittelbar an. Doch er war ein ganz guter Kämpfer. Er parierte unsere Schläge. Die wenigen Prellungen und kleinen Wunden nahm er hin. Dazwischen machte er seine Zauber, die uns immer wieder zu willen- und bewegungslosen Figuren machten, oder die uns Hals über Kopf fliehen ließen. Mirwen erreichte nichts mit ihrer Macht. Unsere Waffen schienen nutzlos zu sein. Und als wir den Noldor endlich wirklich in Bedrängnis brachten, floh er in den Wald hinein.
Ich war zornig. Der Elb sollte nicht schon wieder entkommen. Trotz blutender Wunden lief ich ihm einfach nach, ohne zu wissen ob mir meine Freunde folgten. Die Äste schlugen mir ins Gesicht, Wurzeln ließen mich stolpern. Doch ich ließ mich nicht aufhalten. Auch als ich den Elb nicht mehr sehen konnte, rannte ich weiter, bis ich wieder vor den Toren von Leet stand auf der Spur unseres Peinigers.
Mirwen und Reath tauchten neben mir auf. Auch sie hatten den Noldor nicht mehr gesehen. Aber die Fährte war eindeutig. Wir trennten uns. Während Mirwen zum Hauptmann lief, ging ich zum Brandkessel. Reath ging zum Hause der beiden Silvan, die in Leet lebten. Doch es schien sich alles gegen uns verschworen zu haben. Der Hauptmann war unabkömmlich, wahrscheinlich plante er gerade den Feldzug gegen die Orks. Das Haus der Elben war verschlossen. Im „Brandkessel“ hatte den Noldor auch niemand gesehen. Langsam beruhigte ich mich wieder. Der Zorn verging. Die Erschöpfung und der Schmerz traten an seine Stelle. Ich versorgte meine Wunden. Dann aß ich mit Mirwen und Reath zu Abend. Wir hatten einen ganzen Tag verloren. Und unseren Widersacher nicht einmal gefunden. Die Leute lachten über uns. Das war vielleicht am Schlimmsten. Ich ging früh zu Bett.Im Morgengrauen weckten uns erneut die Geräusche, ein Klopfen und Scharren. Ich sprang aus dem Bett, zog mich an und stürmte mit der Waffe in der Hand auf den Flur wo ich auf meine Freunde traf. Da stand er wieder. Seine Gestalt schien uns zu verhöhnen. Er spürte nicht, wie wir ihn ins Zimmer stießen. Ich drückte ihn mit dem Speer aufs Bett. Erst jetzt schien er zu erwachen. Und wieder griff er uns mit dieser abscheulichen elbischen Magie an. Wir hatten keine Chance. Aber er tötete uns nicht. Entrüstet über unser Verhalten ihm gegenüber, das er nicht verstand, denn er hatte uns doch nichts getan, verließ er das Gasthaus. Was für ein Durcheinander. Ich bekam es in meinem Kopf nicht klar. Der Noldor schien nachts wirklich nicht zu wissen was er tat. Aber er schien sich auch nicht an seinen Angriff am Tag zuvor zu erinnern. Wir würden schon noch herausbekommen, was dahinter steckte. Ich hoffte, dass es nichts mit unserem Auftrag und dem Mithrilkelch zu tun haben würde. Aber die Ahnung ließ sich nicht verleugnen. Ich ging nicht wieder ins Bett. Der Morgen dämmerte schon. Ich packte und ging frühstücken.
Kurz nach Sonnenaufgang waren wir wieder auf der Straße. Wir gingen noch einmal auf die Lichtung. Die Pferde waren verschwunden. Die Hütte durchsucht. Nur die Truhe hatte allen Versuchen sie zu öffnen widerstanden. Nun hob Reath seinen Hammer. Ein kräftiger Schlag zerstörte die Truhe. Doch es war nichts darin zu finden. Wir gingen zurück auf den Weg und weiter nach Norden bis wir auf die Große Oststraße stießen. Wir folgten ihr nach Westen.
Die Reise verlief ruhig bis wir in die Trollhöhen kamen. Abends als wir unser Lager aufschlagen wollten, griffen uns zwei Orks an. Sie hatten keine Chance. Wir fielen mit einer Heftigkeit über sie her, die unserem Zorn auf den Noldor geschuldet war. Bevor der Zweite starb, bestätigte er unsere Vermutung. Auch sie handelten im Auftrag unseres elbischen Widersachers. Es war also noch nicht vorbei. Ich war nicht wirklich überrascht, als ich mich an diesem Abend in meine Decke einrollte.