Anduin- am großen Fluß, Teil 7
„…Die Sonne hätte längst am Himmel stehen sollen. Stattdessen ziehen sich die Wolken immer mehr zusammen. Donner grollt, Blitze zucken. Regen liegt in der Luft, während die Gefährten der Kultstätte auf dem Hügel immer näher kommen.
Plötzlich teilt krachend ein Blitz die Wolken. Die Gruppe bleibt wie angewurzelt stehen, die Blicke Schreck erfüllt nach oben gerichtet. Eine schwarze Gestalt scheint auf sie zu zukommen, scheint nach ihnen zu greifen. Doch sie verschwindet wieder als der Regen fällt. Hastig laufen die Freunde weiter.
Auf dem Hügel angekommen finden sie nichts weiter als eine Felsgruppe. Doch der Ring öffnet eine Tür im Stein. Treppenstufen führen hinab. Vorsichtig, mit gezogenen Waffen, schleichen die Gefährten in die Dunkelheit, ein leichter Modergeruch begleitet sie. Ein wenig Licht spendet Sibrocs Stab.
Am Fuß der Treppe erwartet die Gruppe ein Kreuzweg. Der Weg geradeaus verschwindet im Dunkeln. Der Gang links endet vor einer Tür; von rechts dringt ein schwacher Lichtschein in den Korridor. Kalidor schleicht voraus. Als der Gang eine Biegung nach rechts macht, bleibt er stehen. Stark herunter gebrandete Fackeln erhellen einen weiteren Gang, der vor einer Wand endet, nur schwach. Eine Tür steht einen spaltbreit offen. Der Söldner winkt die anderen heran. Der Raum hinter der Tür ist ein Vorratsraum. Der Gang wurde wohl wegen Wassereinbruchs nicht fortgeführt. Die Wand ist feucht, an den Rändern läuft Wasser herunter.
Die Freunde schleichen vorsichtig zurück bis zum Fuß der Treppe. Dann öffnen sie vorsichtig die Tür rechts vom Eingang, nachdem Broca die Tür für unbedenklich erklärt hat. Im Raum dahinter liegt die Küche. Über einem offenen Kamin hängt ein Kupferkessel. Das Feuer brennt niedrig. Niemand ist hier. Am anderen Ende des Raums führt eine Tür hinaus. Auch die ist nicht verschlossen. Wenige Stufen führen in einen schwach beleuchteten langen Gang, der vor einer Tür endet. Drei weitere Eingänge führen rechts vom Gang weg.
Ogtaba zögert einen Augenblick; starrt auf die Tür am Ende. „Dort ist er. Guthleib hängt an Ketten, bewegt sich nicht; Nebel ist überall. Vorsicht“, stößt der Schamane die Worte hervor.
Langsam mit gezogenen Waffen gehen die Gefährten weiter. Alles bleibt ruhig. Sind sie wirklich noch nicht bemerkt worden? Die Tür ist verschlossen. Ein paar Worte von Sibroc, seine Hand berührt das Schloss und der Weg ist frei.
Die Nebelschwaden rufen Husten und Brechreiz hervor. Vorsichtig betritt der Zauberer den Raum; bricht kurz darauf fast zusammen. Der Nebel ist giftig. Der Schamane hilft ihm, erhöht seine Widerstandskraft. Dennoch gelingt es Sibroc nur mit Mühe Guthleib zu befreien.
Gerade als die Freunde zurück in die Küche wollen, bricht Ogtaba zusammen. Also wurden sie doch entdeckt. Der Schamane scheint in der Geisterwelt einen Kampf auszufechten. Nun ist Eile geboten. Kalidor übernimmt die Führung. Ogtaba und Guthleib werden in der Küche zurückgelassen. Zu ihrem Schutz bleiben Broca, Darl und Yusuf zurück.
Der Söldner führt die anderen zu der im Dunklen liegenden Tür gegenüber dem Eingang. Als sie die Küche verlassen wollen, hören sie vorsichtige Schritte auf der Treppe. Eine in grün und braun gekleidete Gestalt schleicht ihnen entgegen. Ein bärtiger Mann Anfang 20, bewaffnet mit Kampfstab und Kurzbogen steht ihnen erstaunt gegenüber.
„Ich war nur neugierig“, murmelte er leise. „Wer bist Du?“, fragt ihn Kalidor barsch. „Ein Waldläufer namens Skutilla“, bekommt er zur Antwort. „Kann ich euch helfen?“ „Komm mit“, murmelt der Söldner und verschwindet in der Dunkelheit.
„Ich denke, hier finden wir die Lösung für unsere Problem“ flüstert Kalidor, während er auf die geschlossene Tür zeigt. Ein Blick durchs Schlüsselloch zeigt, wie recht er damit hat: Hinter einem großen altarähnlichen schwarzen Tisch steht eine in eine schwarze Roben gewandete Gestalt, die ihre Arme aufstützt. Vor ihr liegt jemand. In mehreren Bankreihen sitzen weitere Gestalten und schauen gebannt auf die Szenerie. Niemand ahnt welch großen Kampf Ogtaba gerade in der Geisterwelt ausficht. Die Erfahrung des Söldners gewinnt die Oberhand. Ein Plan ist schnell gefasst. Kalidor öffnet die Tür, stürmt auf die Gestalt hinter dem Altar zu. Tarthalion und Wino bleiben recht und links neben der Tür im Raum stehen, nehmen den Altar unter Beschuss und achten auf die Menschen in den Bänken. Skutilla und Sibroc bleiben unter dem Türrahmen stehen, eröffnen das Feuer mit Bogen und Zauber. Alles geht sehr schnell. Kalidors Axthiebe auf die Schwarze Robbe kommen hart und schnell. Pfeile schwirren. Die Menschen auf den Bänken rühren sich nicht unter deren Füßen plötzlich Dornen aus dem Boden sprießen. Der Zauberer behält sie im Auge. Dann fällt die schwarze Robe. Wenn auch nicht von den Schlägen des Söldners. Sie löst sich scheinbar in Luft auf. Nun erhebt sich die Gestalt auf dem Altar. Aber auch sie überlebt nicht lange, ist keine wirkliche Gefahr für die Freunde. Und dann ist plötzlich alles vorbei. Die bedrückende dunkle Stimmung, die im Raum lag, ist verschwunden. In die Menschen kommt Bewegung. Sie scheinen aus einer Art Trance zu erwachen.
„Euch wird nichts geschehen“, spricht Kalidor die Menschen an. „Nehmt die Kapuzen ab und bleibt ruhig.“ Der Blick des Söldners schweift über die Reihen. Dann hat er Tharadoc, das Mitglied des Weisen Rates von Bar-en-Tinnen gefunden. Sie nehmen den Mann, der keine Reue zeigt, gefangen. Die anderen Menschen können gehen, zurück an ihre Arbeit, zurück zu ihren Familien.
Nachdem die Gefährten den Altar zerstört und das Gewölbe mit Darls Hilfe zum Einsturz gebracht haben, ziehen sie zurück in die kleine Stadt am Anduin. Unterwegs erzählt ihnen Ogtaba von seiner Begegnung in der Geisterwelt. Ein mächtiger dunkler Geist der sich Celgor Schwarzfaust nennt, hat ihn angegriffen, hart und unvermittelt. Der Schamane musste seinen früheren Meister unter seinen Willen zwingen um überhaupt eine Chance gegen Celgor zu haben. Fast hatten sie ihn besiegt. Als ein Vogel aus Feuer heran flog und mit Schwarzfaust Amulett verschwand. Dann hat sich der Geist aufgelöst. „Ich glaube aber nicht, dass es vorbei ist“ merkt Ogtaba an. „Wir sollten mehr über das Amulett und seinen Träger herausfinden.“
In Bar-en-Tinnen werden die Gefährten schon erwartet. Der Hauptmann der Wache hat die Toten und Gefangenen im Haus des Bogners gefunden. Nun möchte er natürlich auch die Geschichte dazu hören. Als ihm und dem Weisen Rat klar wird, welch große Gefahr die Gruppe von ihnen und dem südlichen Ithilien abgewendet hat, ist die Freude und Erleichterung groß. Zur Belohnung gibt die Stadt 200 Goldstücke an die Gruppe. Ihre Dankbarkeit drücken die Bürger mit einem rauschenden Fest aus.
Hier endet meine Geschichte über einige heldenhafte Bürger eurer schönen weißen Stadt am Meer. Habt Dank für Eure Aufmerksamkeit.“
Unter tosendem Applaus verließ der Skalde die Bühne. Obwohl es schon weit nach Mitternacht war mochte niemand gehen. Bei Bier und Wein saßen die Gäste noch bis zum Sonnenaufgang in der Krakenwacht, während Dunstan das Lokal und Dol Amroth mit dem ersten Schiff verließ.